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An(ge)dacht November 2004

"Adam, wo bist du?"

Wenn die Tage trüber und die Abende länger werden, gehen meine Gedanken in die Kindheit häufiger zurück. Oft spielten wir im Kindergottesdienst, übrigens im Freien "Adam, wo bist du?" – zwei mussten in den Kreis und bekamen die Augen verbunden; der eine war der Herr und musste suchen, der andere, Adam, musste sich verstecken. Wenn Adam vom Herrn berührt wurde, hatte er verloren. Also galt es, auf der Hut zu sein und auszuweichen. Gern habe ich die Rolle des Adam gespielt, liebte dabei weniger die
Berührungen und das plötzliche Gepacktwerden als das Hineinhorchen in die Dunkelheit und das gekonnt-geschmeidige Ausweichen, vor allem, wenn dann die Umstehenden mit ermunternden Zurufen und Beifall nicht geizten. Und wenn dann die Augen geöffnet, also die Tücher abgenommen wurden: da lachten eigentlich alle.

Heute geht mir jedoch der Ernst dieses Spieles auf. Er besteht in seinem inszenierten Spaß. Adam – wo bist du? Dieser Frage weicht man aus, sucht sich zu verstecken und erhält dafür den Beifall der Unbeteiligten.

Die Frage nach dem alten Adam ist in der Bildersprache der Bibel die Frage nach der Schuld und der persönlichen Verantwortung. Sie stellt sich mir selbst. Und dann wird es zur Frage, ob ich hinkriege, klar zu antworten? Oder werde ich ausweichend sagen: "Man müsste eigentlich..." Oder: "Vielleicht hätte man besser doch..." oder: "Zeitlich und sachlich gab es keine Alternative". Es ist immer dasselbe, es sind diese kleinen und großen Ausflüchte, die das Leben so unklar und dunkel sein lassen.

Natürlich wird der November trübe und dunkle Tage haben. Doch wenn der Bußtag kommt, soll es ein Tag sein, an dem uns etwas klar werden kann: die persönliche Schuld und das Angewiesensein auf Gottes Vergebung. Nicht vorbeimogeln, sondern bekennen. Darum geht es. Und wenn wir am Ewigkeitssonntag in unserer Kirche singen werden "Wachet auf, ruft uns die Stimme": dann wird die Orgel dazu laut erklingen und strahlend dieses untermalen. Denn wir müssen nicht dieselben bleiben. Weil wir bei Gott eine Zukunft haben. Und was den alten Adam anbelangt – dem stellt die Bibel das Bild des neuen Menschen gegenüber. Gott sei Dank.
Pastor Wolfgang Petrak, Pastor in der Kirchengemeinde St. Petri Weende

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