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An(ge)dacht März 2007

Welchen Leser ich mir wünsche?

Die Statuette einer Frau, im Original nur 30cm hoch, eine Bronze, schon mit leichter Patina belegt – und doch so lebendig.
Die junge Frau sitzt ganz entspannt auf einem Stuhl. Ihr Kleid fällt locker um ihren Körper, fast nachlässig. Ein Arm vor dem Bauch verschränkt, die linke Hand hält ein Buch. Das erkennt man erst, wenn man näher hinschaut. Ihre Haare sind hinter dem Kopf zusammengebunden, so bleibt das Gesicht frei. Die Frau ist vollkommen ins Lesen vertieft, ein leichtes Lächeln umspielt ihr Gesicht.
"Welchen Leser ich mir wünsche?", fragte sich Goethe einmal in den Xenien, und antwortete: "Den unbefangenen, der mich, sich und die Welt vergisst und in dem Buche nur lebt."
Ich kenne keine künstlerische Darstellung, die soviel davon einfängt. Früher nannte man das "Muße": Hingabe an eine Tätigkeit, die keinem Ziel dient. Von "Chillen" sprechen Jugendliche heute, was vielleicht nicht ganz dasselbe ist, weil das weniger "Tätigkeit" meint als vielmehr die Vermeidung jeglichen Tuns.
Diese Frau dagegen, sie ist sichtbar befasst mit ihrer Tätigkeit: sie liest. Und fast hat man das Gefühl, als Zuschauer dabei zu stören, einen intimen Augenblick zu verletzen. Muße verlangt nach einem geschützten Raum, auch das unterscheidet sie vom manchmal eher demonstrativen "Chillen".
Sich den Raum nehmen und die Zeit für ein Buch, vielleicht sogar für "das" Buch, sich gefangen nehmen lassen von einer "müßigen" Tätigkeit, die keinem Nutzen dient – was für ein Glück!
Dr. Marc Wischnowsky, Landeskirchlich Beauftragter für Schulfragen in Südniedersachsen
und Schulpastor an der BBS 1 Arnoldischule, Göttingen.

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