An(ge)dacht Oktober 2007 |
Heilige Orte? Versuch einer protestantischen Standortbestimmung |
| Ist eine evangelische Kirche ein heiliger, ein sakraler Ort? "Sakral" d.h. geweiht, heilig, aber auch so etwas wie unverletzlich, rein zu halten und verboten. Ist eine Kirche ein heiliger Ort, an dem bestimmte Dinge grundsätzlich verboten sind? Eis essen z.B. oder Fotografieren? Herumlaufen oder lautes Reden? Darf man hier mit so etwas Profanem wie Geld umgehen? Darf ein Muslim in einer christlichen Kirche saubermachen? Darf man in einer Kirche den Altarraum oder die Kanzel betreten, oder ist das bestimmten Menschen vorbehalten? Der "Tag des Offenen Denkmals" 2007 stand unter dem Schwerpunktthema "Sakralbauten" und wirft diese Frage auf, ob und inwiefern es für evangelische Christen sakrale, heilige Orte gibt. Doch nicht nur dieser profane "Tag des offenen Denkmals" gibt Anlass dazu, sondern auch die Alttestamentliche Lesung für den 14. Sonntag nach Trinitatis, 1. Mose 28 "Jakob schaut die Himmelsleiter". Erinnern Sie sich? Jakob, der Lügner, der zusammen mit seiner Mutter den Rest der Familie, Vater Isaak und Bruder Esau betrogen hatte, musste fliehen. Und in der ersten Nacht nach der Flucht erfuhr er, an einem Stein liegend, im Schlaf, im Traum eine wunderbare Gottesbegegnung. Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Eine große Verheißung für Jakob, viele Worte, die nur wenige kennen, und mitten drin ein Bild, nur knapp angedeutet, das sich dem Gedächtnis vieler Menschen eingeprägt hat: Jakob sieht die Himmelsleiter. Zu einem Text für den "Tag des offenen Denkmals" aber wird die Geschichte erst durch das, was dann folgt. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel. "Hier müssen wir einmal von den Kirchen sagen." So beginnt Martin Luther 1523 einen Predigtabschnitt über diesen Text (WA 14, 384, frei zitiert in heutigem Deutsch). "Hier müssen wir einmal von den Kirchen reden. Diesen Text haben unsere Papisten und Bischöfe für sich in Anspruch genommen, wenn sie Kirchen geweiht haben, und wo Kirchweih gehalten worden ist, da erschallte der Ruf 'Wie heilig ist diese Stätte, wie heilig ist diese Stätte'." Dann holt Luther zur Gegenargumentation aus. Hier werde zwar ein Ort Bethel, sprich Haus Gottes genannt, aber es stehe ja dort gar kein Haus, sondern da habe nur ein Stein gelegen, mehr nicht. Den habe Jakob als Gotteshaus bezeichnet. "Der Stein soll Gottes Haus sein." "Darum heißt ers ein Gotteshaus, nicht weil da ein großes Gebäude von Nöten sei, von großen Steinen und köstlichen Gewölben, sondern allein zum Zeichen, das da Gott sei und Gott da wohne. ... Gott liegt nicht viel daran, ob man ein großes, schönes Haus bauet oder nicht, wenn allein sein Wort da ist, und wird allda gepredigt und gehört. Drum: Wo Gottes Wort ist, da ist ein Haus Gottes, und wo Gott wohnt, da ist auch sein Wort." So wie damals bei Jakob, "also auch hier: ... Wer da ist, wo Gottes Wort klingt, der sieht den Himmel offen und sieht die Engel auf und nieder steigen. Daraus könnt ihr leicht erkennen und erschließen, dass unsere Kirchen und die Klöster nicht Gottes Häuser sind. ... Da wohnt er, wo sein Wort gepredigt wird, sonst nirgends. Wo das nicht ist, da ist gewiss der Teufel, dem dient man da, und nicht Gott. Darum sollt ihr kein Haus Gottes Haus nennen, es sei denn, dass Gott drinnen wohne und dass ihr ihn drinnen höret reden. ... Wo Gott redet, da wohnt er. Wo das Wort klingt, da ist Gott, da ist sein Haus, und wenn er aufhört zu reden, so ist auch nimmer sein Haus da." Das ist uns Protestanten in die Wiege gelegt: "Wo Gott redet, da wohnt er. Wo das Wort klingt, da ist Gott, da ist sein Haus, und wenn er aufhört zu reden, so ist auch nimmer sein Haus da." Kann man mit dieser Tradition im Rücken überhaupt von "Sakralräumen" reden? Die protestantische Tradition denkt funktionalistisch. Sie bindet die Heiligkeit eines Raumes an das Reden Gottes. "Wenn Gott aufhört zu reden, so ist auch nimmer sein Haus da." Aber ist das wirklich alles, was evangelische Christenmenschen dazu wahrnehmen, denken und zu sagen haben? Abseits des protestantischen Wort-Prinzips nehme ich an vielen evangelischen Christen, auch an mir selbst, eine wachsende Sehnsucht nach heiligen Orten wahr. Müssen wir Luthers Radikalismus in dieser Frage hinter uns lassen? Haben sich die Fronten verändert? Ist diese spätmittelalterliche Kritik an Formen von Kirchenbauen und -stiften und Menschenstolz auf das, was sie geleistet haben, nicht mehr unser Thema? Wie können wir protestantisches Denken mit quasi-katholischem Empfinden versöhnen? Sollen wir die Spannung einfach auflösen zugunsten des Empfindens? "Entscheidend ist doch, was wir heute fühlen"? Oder soll der Primat des theologischen Denkens den Widerspruch einfach übertönen. O-Ton Luther: "Wenn Gott aufhört zu reden, so ist auch nimmer sein Haus da." Beide Antworten befriedigen nicht. Sie versöhnen nicht, sie spalten, Empfinden und Verstehen. Dabei könnte der Predigttext uns in eine andere Richtung lenken. Hören Sie noch einmal Jakobs Worte aus dem 1. Buch Mose (28,16-18). Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel. Ein Steinmal richtet Jakob auf, eine Stele, ein Denkmal, eine Erinnerung an Gottes Reden zu ihm an diesem Ort. Ein Zeichen, das darauf verweist: Hier hat Gott zu mir geredet. Eine Erinnerung, für Jakob selbst und für alle, die nach ihm hier vorbei kommen. Eine Erinnerung an Gottes Reden, und solche Erinnerung begründet die Hoffnung, Gott werde es wieder tun. Noch einmal Luther, in einer Predigt über den gleichen Text, vier Jahre später, 1527 (WA 24,497): "Der Stein soll ein Gottes Haus sein? warum nennet ers denn also? Nicht darum, dass es von Nöten wäre, ein großes Gebäude dazu aufzurichten, sondern allein ein Zeichen und Mal gesteckt, dass Gott allda wohnet." Ein Zeichen und Mal! Kirchen wie St. Jacobi - ein Zeichen und Mal! Für uns Protestanten nicht von substantieller Heiligkeit an sich, sondern Zeichen und Denkmal: Hier hat Gott einmal geredet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Keine Realpräsenz des Heiligen, sondern Erinnerung an Wort-Ereignisse. Und solche Zeichen sind es allemal wert, achtsam mit ihnen umzugehen halten. Viele Menschen haben in einer Kirche Gottes Wort für ihr Leben erfahren. Alles in den Kirchen kann deshalb zum Erinnerungszeichen werden, Steine und Holz, Bilder und Schnitzwerk, Fenster und Farben bergen die Erinnerung an Gottes Reden. Sichtbares Zeichen und Denkmal, dass Gott hier geredet hat, seit vielen Generationen, Jahrhunderte lang, immer wieder einmal. Und das nährt die Hoffnung, Gott könne es auch wieder tun, immer wieder einmal, mitten unter uns zu Wort kommen, befreiend, erfreuend, tröstend, ermutigend, widersprechend, bewegend. Gott komme zu Wort. Amen. |
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Harald Storz, Pastor an St. Jacobi Göttingen
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