An(ge)dacht Januar 2008 |
Bin ich krank? |
| Vor zwei Wochen war es mal wieder soweit: Am späten Nachmittag hatte ich dieses Kratzen im Hals,
das untrüglich die kommende Erkältung anzeigt. Trotzdem bin ich am Abend noch losgegangen zum "Lebendigen
Adventskalender" und habe mich bei knapp über null Grad eine halbe Stunde lang draußen hingestellt, um gemeinsam mit der
Gemeinde Adventslieder zu singen und eine Geschichte zu hören. Danach war mir dann natürlich richtig kalt, sodass auch ein
heißes Fußbad und zwei Tassen "Zitronen-Heiß-Getränk" nicht mehr abwenden konnten, was nun kommen
musste: In der Nacht bekam ich Schüttelfrost und Fieber. Am nächsten Tag richtete ich mir mein Krankenlager auf dem Sofa
ein und meldete mich krank. Zu meiner Hausärztin wollte ich nicht gleich am ersten Tag gehen; das hatte Zeit bis morgen. So krank
war ich doch schließlich auch wieder nicht. Ich holte mir die Zeitschriften heran, die sich seit Wochen angesammelt hatten, und fing an zu lesen. Irgendwann fielen mir die Augen zu und ich schlief ein. Wahrscheinlich hatte mein Körper genau das gebraucht, denn nach nur einem Tag Krankenlager auf dem Sofa ging es mir am nächsten Morgen schon wieder deutlich besser. War ich jetzt krank oder nicht? Ich denke, so eindeutig ist das gar nicht immer zu sagen. Eigentlich war ich ja schon krank, als das Kratzen im Hals sich bemerkbar machte; aber andererseits fühlte ich mich auch schon wieder gesund, nachdem das Fieber eben erst vorbei war. Es gibt eben diesen merkwürdigen Zwischenzustand: noch nicht ganz krank, aber auch nicht mehr gesund, oder: nicht mehr richtig krank, aber auch noch nicht wieder völlig genesen. Wenn ich mir den Monatsspruch für den Januar anschaue, wo könnte ich mich da aber einordnen, wenn es heißt: "Jesus Christus spricht: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten." (Mk 2,17) Jesus entgegnet diesen Satz den Schriftgelehrten und Pharisäern, als jene ihm vorwerfen, dass er zusammen mit Zöllnern und Sündern esse. Die Pharisäer und Schriftgelehrten so wie sie im Neuen Testament gezeichnet werden malen die Welt gern schwarz-weiß; Gute (sie selber) und Böse (Zöllner und Sünder) sind in ihrer Welt streng voneinander geschieden. Oft denken wir auch so wie sie. Jesus jedoch teilte die Menschen nicht in zwei feststehende Gruppen ein, hier nur die Sünder, dort nur die Gerechten. So eindeutig ist die Sache eben nicht. Jeder kann einmal krank werden und den Arzt brauchen, auch die Schriftgelehrten, auch Sie und ich. Und nicht jeder, der sich für gesund hält, ist es auch. Wenn ich so auf meine Eintageserkältung zurückschaue, dann hat sie mir dies gezeigt: ich war gesund und krank zugleich; auf den Glauben übertragen heißt das: simul iustus et peccator gleichzeitig ein Gerechter und ein Sünder. Und das gilt immer, jeden Tag meines Lebens, nicht nur in der Erkältungszeit. |
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Marco Voigt, Vikar in Rosdorf
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