Logo

An(ge)dacht Februar 2008

Wenn Gott einer von uns wäre...

Eine Schülerin brachte mir vor einigen Wochen diesen Liedtext der us-amerikanischen Sängerin Joan Osborne mit: "Darüber könnten wir doch auch mal sprechen."
Ein anspruchsvoller Text:

If God Was One of Us
If God had a name, what would it be
And would you call it to his face
If you were faced with him in all his glory
What would you ask if you had just one question
And yeah yeah God is great yeah yeah God is good
yeah yeah yeah yeah yeah
What if God was one of us
Just a slob like one of us
Just a stranger on the bus
Trying to make his way home
If God had a face what would it look like
And would you want to see
If seeing meant that you would have to believe
In things like Heaven and in Jesus and the Saints and all the Prophets
And yeah yeah God is great yeah yeah God is good
yeah yeah yeah yeah yeah
What if God was one of us
Just a slob like one of us
Just a stranger on the bus
Trying to make his way home
He's trying to make his way home
Back up to heaven all alone
Nobody calling on the phone
Except for the Pope maybe in rome
And yeah yeah God is great yeah yeah God is good
yeah yeah yeah yeah yeah
What if god was one of us
Just a slob like one of us
Just a stranger on the bus
Trying to make his way home
Just trying to make his way home
Like a holy rolling stone
Back up to heaven all alone
Just trying to make his way home
Nobody calling on the phone
Except for the Pope maybe in rome

Schon der Titel gibt zu denken: Wenn Gott einer von uns wäre...? Das ganze Lied ist im Konjunktiv gehalten, fragt nach Möglichkeiten, will Nachdenken bewirken.
Wenn Gott einen Namen hätte, welcher wäre es? Und würdest du ihm den ins Gesicht sagen? Wenn du seines ganzen Glanzes angesichtig würdest – was würdest du ihn fragen, wenn du nur eine Frage hättest?
Osbornes Text lebt von einer klaren Spannung. Sie spricht mich direkt an und stellt mir einerseits Gottes Größe und Unnahbarkeit vor Augen. "Gott ist groß", sagt der Refrain. Und das angesprochene Du wird dabei ganz klein: Würdest du dich überhaupt trauen, Gott anzusprechen? Ist er nicht zu weit weg?
Andererseits bringt die Sängerin die These des Titels ins Spiel: Was, wenn Gott einer von uns wäre? Ein Fremder im Bus, der versucht, nach Hause zu kommen?
Ja, was dann? Dann wäre er nicht mehr unnahbar, sondern ein Mensch wie du und ich ... ganz nah. Was würde das für mich bedeuten?
Und wieder die Spannung: Wenn Gott ein Gesicht hätte, wie würde es aussehen? Und würdest du es überhaupt sehen wollen, wenn sehen bedeutete, dass du glauben müsstest?
Das ist sehr steil gesagt, fast abweisend: Gott sehen heißt ihn glauben und – willst du das überhaupt? Kannst du das?
Aber die Frage bleibt: Was hat denn Gott für ein Gesicht? Also: was sähe ich eigentlich, wenn ich ihn sähe? Das Gesicht meines Nachbarn, des Fremden im Bus, des Bettlers am Straßenrand? In der Tat ist ja nach unserem Glauben Gott Mensch geworden, so sagen wir, an Weihnachten. Und erkennen wir nicht jetzt in der Passionszeit im Gesicht des leidenden Christus das Leid jedes Menschen wieder?
Wäre Gott einer von uns, ein Fremder im Bus auf dem Weg nach Hause zurück in den Himmel, alleine – niemand, der ihn anruft ...
Gott Mensch, mit Einsamkeit vertraut, der das Gefühl kennt, dass niemand nach ihm fragt, sich klein und unbedeutend vorzukommen ... zweifellos ist das eine mögliche Deutung des theologischen Gedankens der Menschwerdung. Und sie hat etwas Tröstendes, verringert sie doch die unendliche Distanz zwischen Gott und mir. Aber nimmt sie ihm nicht auch seine Größe? Was bleibt von Gott, wenn er auch nur einer von uns wäre?
Vielleicht liegt die Stärke des Textes darin, die Spannung nicht aufzulösen. Der Refrain wiederholt dieses Lob: Gott ist groß. Und: Gott ist gut.
Was, wenn Gottes wahre Größe und Güte eben darin läge, so klein sein zu können wie einer von uns? Ist nicht das genau der Gedanke, den die alten Bekenntnisse dadurch zum Ausdruck bringen, wenn sie von Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch sprechen?

Kann man das Schülern heute noch so sagen?
Im Unterrichtsgespräch zu diesem Lied war das nicht leicht. Aber ich hatte den Eindruck, dass zumindest manche der Schülerinnen und Schüler die Sehnsucht nachfühlen konnten, die aus dem Lied ja auch spricht:
Ach, wenn Gott doch einer von uns wäre – wenn er doch in meiner Welt vorkäme!
So dass ich glauben könnte, dass er etwas mit mir zu tun hat!

Dr. Marc Wischnowsky, Berufsschulpastor an der BBS 1, Arnoldischule

-> zurück zum An(ge)dacht-Archiv