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An(ge)dacht Mai 2008

Was ist Führung?

Liebe Leserinnen und Leser,
was ist eigentlich aus christlicher Sicht Führung? Oder Führungskraft? Wann sind Führungskräfte im christlichen Sinne gute Führungskräfte? Welche biblischen Traditionen können sie dabei leiten?
Diese Fragestellung hat es natürlich in sich: Führung ist kein beliebtes Wort in Kirchenkreisen. Dieser Vorbehalt ist verständlich, Führung ist einmal als Wort im Deutschen fragwürdig, man hat Assoziationen zu einem "Führer". Es geht bei Führung dann auch um Macht, und da ist klar, es gibt auch die dunkle Seite der Macht oder des Machtmissbrauchs. Trotzdem ist der mit dem Wort gemeinte Sachverhalt wichtig: Es gibt so etwas wie Führung, Führungskräfte oder leitende Menschen gibt es auch in der Kirche, auch eine Kirchengemeinde wird geleitet (hoffentlich gut und von vielen). Im Englischen ist es leichter, da spricht man ganz selbstverständlich von leadership.
Ich selber glaube nicht, dass man von bestimmten biblischen Figuren oder Personen ein Führungsverhalten ableiten kann, zum Beispiel von Mose (auch wenn es Geschichten gibt, wo Führung gezeigt wird). Das ist zu billig. Auch das Sprechen von Jesus als Führungskraft überzeugt nicht, ihn hier zu "vermarkten" ist seiner Botschaft nicht angemessen. Es gibt aber ein biblisches Bild, das nach meiner Meinung so etwas wie gutes Führungsverhalten beinhaltet oder von dem her dies auszudeuten ist:
Das Bild vom Hirten, von der Hirtin.
Im Bild vom Hirten spielen zwei grundlegende Eigenschaften hinein: Das Beschützen (vor Feinden wie wilde Tiere) und das Versorgen (eine gute Weide finden).
Man kann dies sehr genau auf den unternehmerischen Alltag herunterbrechen: Zu einer Führungskraft gehört der Einsatz für das langfristige (nachhaltige) Überleben einer Firma und damit der Erhalt von Arbeitsplätzen. Dies ist zur Zeit die Aufgabe von Gemeinden gegenüber ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, eine fürwahr schwere aber auch wichtige Aufgabe.
Und es gehört zur guten Führung das "Versorgen". Darunter kann man gut den Einsatz für einen kreativen, von der Persönlichkeit des Arbeitenden her gestalteten Arbeitsbereich verstehen. Mitarbeiter müssen sich einerseits gefordert, aber nicht überfordert fühlen, sie sollten sich fortbilden und entwickeln dürfen. Dazu gehört auch eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit, ein gutes Betriebsklima halt. Auch dies gilt genau so wie für die Wirtschaft für unsere Gemeinden und den Kirchenkreis.
Der Hirte taucht in der biblischen Tradition immer wieder auf, vom 23. Psalm über Hesekiel (Kap. 34) bis zu dem Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht (Lukas 15, 1-7) und der Hirtenvorstellung bei Johannes (Joh. 10, 1-30). Hier findet sich nicht nur etwas zum Thema "Wie führe ich auf gute Weise andere?" sondern wird auch die Frage gestellt: "Wer führt mich eigentlich?" Gott als der gute Hirte im 23.Psalm? Jesus selber, von dem es bei Johannes die Selbstaussage gibt: "Ich bin der gute Hirte"? In dieser Frage relativiert sich das eigene Führungsverhalten und bindet es an das Gottesverhältnis. Wenn Gott (oder das, was Jesus sagt) zwischen mir und denen, die ich führe, zu stehen kommt, dann hat das Folgen und Konsequenzen. Da kommt dann die Barmherzigkeit mit ins Spiel und auch die Relativität aller Führung.
Jedenfalls beinhaltet das Bild vom Hirten eine Menge an Anregungen zu dem Thema, was eine gute Führung sein kann und was sie beinhalten sollte, und ist nicht nur für Wirtschaftsunternehmen von Relevanz, sondern auch für uns in der Kirche und in unseren Gemeinden.
Ralf Reuter, Pastor an der Friedenskirche Göttingen und Seelsorger für Führungskräfte in der Wirtschaft

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