An(ge)dacht Juli 2008 |
|
Der Anker |
|
![]() |
Wenn ich in Cuxhaven bin, gehe ich gern im Hafengelände spazieren. Am interessantesten finde ich die riesigen Schiffsanker, die dort aufgestellt sind. Mächtige, schwere Dinger sind das. Und wenn ich direkt davor stehe, komme ich mir ganz klein vor. Früher wusste ich gar nicht, dass es so viele verschiedene Ankertypen gibt. Klassische Stockanker, wie man sie von alten Bildern oder Symbolen her kennt. Je nach Ankergrund, ob man in steinigem oder morastigem Gelände Halt finden muss, gibt es ganz spezielle Anker. Pilz- und Patentanker, um nur einige zu nennen. Einmal neugierig geworden habe ich mich auch bei den Schiffen im Hafen umgesehen und auf ihre Anker geachtet. An Bord der Schiffe kamen mir die Anker, die ich an Land so riesig fand, plötzlich winzig vor. Also fragte ich einen Freund, der sich mit so etwas gut auskennt. "Sag mal, wie groß muss denn ein Anker im Verhältnis zum Schiff sein, damit er hält?" "Ungefähr ein Prozent vom Gewicht des Schiffes, muss der Anker schon haben!" bekam ich zur Antwort. Der Anker, so erklärte man mir, darf ja auch nicht zu schwer sein. Er ist ja keine Dekoration, sondern täglicher Gebrauchsgegenstand. |
| Die Antwort mit dem einen Prozent hat mich beeindruckt. Und wenn ich es nicht selbst gesehen hätte, wie groß und wieder ganz klein im Verhältnis zu mir oder dem Schiff so ein Anker ausschaut, hätte ich es nicht geglaubt. Der Anker ist nicht nur ein wichtiges Gerät an Bord eines Schiffes, er ist auch ein zentrales Glaubenssymbol. Er steht für das, was mich hält. Anker braucht man, wenn die Wellen hoch gehen, oder wenn man erschöpft und müde ist. Ein Anker hat bei aller Winzigkeit doch die Kraft, mich mit dem Grund zu verbinden. Ich kenne das auch in verschiedenen Lebenssituationen. Wenn es mir schlecht geht, brauche ich die Hand eines Menschen. Die einfach zu fühlen, beruhigt mich. Erdet mich, gibt mir Sicherheit. Wie ein Anker. Es gibt auch Worte, regelrechte Ankersätze, die so wirken. Ein Freund erzählte mir, dass er vor einer schweren Herzoperation immer wieder den 23. Psalm gebetet hat. "Der Herr ist mein Hirte!" Es war so ziemlich das einzige, was er aus seiner Konfirmandenzeit noch in Erinnerung hatte. "Du weißt ja, ich bin kein Kirchgängertyp," meint er lächelnd. "Aber als es mir richtig dreckig ging, fiel mir dieser Vers wieder ein. Wieder und wieder habe ich diesen Satz gemurmelt. Der Her ist mein Hirte... Verrückt eigentlich, aber es hat mir damals geholfen. Eine Freundin von mir besitzt einen kleinen Bronzeengel. Der begleitet sie überall hin. Manchmal, wenn sie angespannt ist, greift sie in ihre Tasche. Sie fühlt, dass der Engel noch da ist. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig, und in den kleinen Dingen. Wenn es drauf ankommt, lässt er uns seine Nähe spüren. Und schenkt uns Halt. Amen. |
|
|
Schulpastorin Ulrike Fuchs, Göttingen
|
|
