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An(ge)dacht Dezember 2008

Unternehmen Sterntaler

Der Junge sitzt mir gegenüber. Ich schätze ihn auf zwölf Jahre. Er ist im Verhältnis zu seinen Altersgenossen von kurzem Wuchs, aber doch erstaunlich gewandt. Das habe ich schon bei seinem Eintreten bemerkt: Im Türrahmen verneigte er sich knapp, aber korrekt. Er hat seine Aktentasche auf die Knie gestellt und nestelt an den Verschlüssen. "Schmücken Sie Ihren Christbaum mit Lametta und Äpfeln?" fragte er, und noch ehe ich mich erkundigen kann, worauf er hinauswill, fährt er fort: "Sie sollten mal Strohsterne nehmen. Das ist was Feines. Haben Sie noch nie Strohsterne am Baum gehabt?"
Ich verneine. "Das sollten Sie mal machen. Das gibt einen schönen Baum. Ich kann Ihnen welche anbieten, sie sind selbst gemacht und gar nicht so teuer."
Ich bin überrascht, denn das ist ein Verkaufsgespräch. Der Junge legt mir eine Mappe auf den Tisch. Ich schlage den Deckel auf. Auf schwarzem Karton sind goldgelbe Strohsterne aufgeklebt; jeweils drei gepresste Strohhalme, die in der Mitte mit Zwirnsfaden verbunden sind. Saubere Arbeit. Neben die Musterstücke ist ein Preisschildchen geheftet: Stück 30 Cent.
"Das ist die einfachste Ausführung", sagte der Junge. "Sie geht nicht so gut, wie ich dachte, auf der bleibe ich sitzen. Die Leute wollen heute bessere haben."
"Die Achtstrahligen für 60 gehen besser. Sie müssen umblättern. Da! Die geben doch was her!" Sie geben wirklich mehr her. Mit weißer Tusche steht am oberen Kartonrand: Für Anspruchsvolle. "Da sitzt man lange dran, wissen Sie." "Ja, natürlich", sagte ich. Eigentlich möchte ich einwenden, dass die Sterne für Anspruchsvolle auch ziemlich happig im Preis sind. Aber ich sage es nicht, denn ich habe noch nie Strohsterne gemacht. "Wenn Sie weiterblättern, kommen die ganz tollen Sachen: Sechzehnstrahler. Sehen gut aus, was! Ist auch eine Fummelarbeit und kosten trotzdem nur einsfünfzig."
"Donnerwetter!" entfährt es mir. "Machen Sie's erst mal selbst", belehrt mich der Knirps. "Da verhocken Sie vielleicht Zeit darüber! Aber von denen braucht man nicht viele. Die haben ganz klasse Wirkung."
"Und wie viel verkaufst du von denen?" "Also die Sechzehner gehen prima. Da habe ich viele Bestellungen. Aber da sind die Lieferfristen länger, weil wir davon keine Vorräte haben." "Was: Wir? Du bastelst sie also nicht alleine?" fragte ich. Der Knirps blickt mich an, als will er sagen: "Mann, was denkste." "Wir sind mehrere, bald 'ne richtige Fabrik." Ich staune. "Fünf sind allein im Verkauf, aber ich bin der Boss."
Das habe ich erwartet. "Und wie viel arbeiten in der Herstellung?" fragte ich. "Na, so zwanzig aus unserer Klasse, wenn alle mitmachen." "In Heimarbeit?" "Nee, da kommt nichts raus. Haben wir alle gemacht, aber da war nicht so Verlass drauf. Wir haben 'nen prima Schuppen. Mit Heizung und Musik von CD." "Und wie viel Sterne macht ihr?" Na, so 'n paar Hundert. Wir könnten mehr machen. Wir haben Aufträge genug. Aber die Penne und so." Ich lehne mich im Sessel zurück und sehe mir den pfiffigen Burschen scharf an. Ich überrechne. Da kommt ein hübsches Stück Geld zusammen. Und nach dem Geld frage ich auch.
"Das geht alles in Ordnung. Wir haben 'nen Buchhalter. Viel Unkosten haben wir nicht. Nur wenn wir Schluss machen etwas. Da gibt's Kakao." "Und die Einnahmen werden christlich geteilt? Für Geschenkeinkäufe zu Weihnachten." Das Bürschchen lehnt sich zurück und zieht die Augenbrauen bedeutungsvoll zusammen: "Denken Sie! Für das Geld kaufen wir Spielsachen. Alles zum Einkaufspreis bei 'nem Vater von uns. Da kommt was zusammen. Das kriegt ein Stift. Letztes Jahr waren wir erst wenig. Aber diesmal kommen wir ganz groß raus mit der Bescherung für die Kinder mit so Krankheiten. Manche sitzen immer im Fahrstuhl." (Der Junge meinte Rollstuhl.)
Donnerwetter, das imponiert mir. Ich bestelle sechs Sechzehnstrahler. Der Junge strahlt auch. "Aber zahlen brauchen Sie erst nach Lieferung, wenn Sie wollen." Ein anständiges Unternehmen, denke ich und gebe dem Jungen gleich einen Zehn-Euro-Schein. Er kann nicht rausgeben; ich winke ab und begleite ihn zur Tür. Ich habe Respekt vor ihm und seiner Firma.
Am 22. Dezember kommt der Baum. Die "Firma" hat noch nicht geliefert. Am 23. warte ich noch immer auf die Sechzehnstrahler. Ich putze am Abend den Baum, hänge die Fäden sorglich auf die Zweige und denke dabei an den Jungen.
Ein fescher Bursche war er. Bin ich ihm vielleicht auf den Leim gegangen? Dann war's ein ganz ausgekochter Trick, so einer, der einem die Weihnachtsfreude nehmen kann. Am Nachmittag des 24. Dezember ist der Baum geschmückt. Es wäre schön gewesen, wenn ich die Strohsterne gehabt hätte. Wegen der Kinder bescheren wir schon um 17 Uhr. Ich setze die Flämmchen auf die Kerzen. Zeit zum Nachdenken. Es ist mir nicht um die zehn Euro. Aber die Enttäuschung steckt doch tief. Schade! Der Baum ohne die Sterne gefällt mir nicht. Ich könnte im Stift anrufen. Aber ich tue es nicht. Ich will mit das Märchen nicht ganz zerstören.
Nach der Bescherung ruft meine Frau: "Herrje, das habe ich ja vergessen!" Sie eilt hinaus und kommt mit einem braunen Umschlag zurück. "Der ist vor zwei Tagen abgegeben worden." Auf dem braunen Umschlag steht: Frohes Fest für den Hausherrn und die ganze Familie. "Das sind die Sechzehnstrahler!" rufe ich. Sie sind es wirklich. Ein Kärtchen liegt dabei: "Frohe Weihnachten! Unternehmen Sterntaler."
Es sind noch drei Sterne zu dreißig dabei und ein 10-Cent-Stück. In diesem Hause herrscht Ordnung. Ich muss sagen: Nun ist Weihnachten erst so richtig zu mir gekommen.
nach einer Geschichte von Dieter Kaergel, ausgesucht von: Diakon Andreas Overdick, Öffentlichkeitsarbeit & Projekte im Ev.-luth. Kirchenkreis Göttingen

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