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An(ge)dacht Juni 2009

Die heikle Frage der Wahrheit
"Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns."

Sir Martin Rees aus Cambridge zählt zu den weltweit führenden Astronomen. Als er nach seinen religiösen Überzeugungen befragt wird, gibt er zu Protokoll: "Ich wurde als Mitglied der Kirche von England erzogen und befolge einfach die Gebräuche meines Stammes. Die Kirche ist Teil meiner Kultur, ich mag die Rituale und die Musik. Wäre ich im Irak groß geworden, so ginge ich in die Moschee."
Rees argumentiert in doppelter Weise. Er ist persönlich religiös als anglikanischer Christ geprägt – und zugleich erkennt er die Relativität seines Glaubens: an einem anderen Ort wäre er auch ein religiös Anderer geworden, statt Christ ein Muslim.
Die multireligiöse Welt fordert uns heraus. Es geht um die Frage: Wie bleibe ich meinem eigenen Glauben treu ohne die anderen Religionen abzuwerten oder gar die Menschen mit einen anderen Glauben zu verachten? Ich sehe die Lösung in einem dritten Weg. Es geht nicht darum, fremde Überzeugungen schroff abzulehnen oder umgekehrt die Unterschiede einzuebnen. Vielmehr: Ich bleibe bei meiner Wahrheit und gestehe den anderen ihre Wahrheit ebenfalls zu. Diese komplementäre Sichtweise mutet uns einiges zu: dass Gottes Herz sehr weit ist und durchaus unterschiedliche Wege im Glauben zulässt. Wer wollte Gott aber Grenzen setzen und ihm Vorschriften machen!
Im Markusevangelium sagt Jesus: "Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." (Mk. 9, 40) Es soll sich der christliche Glaube darstellen, ohne die Ausgrenzung und Konfrontation suchen zu müssen und sich auf Kosten anderer zu profilieren. Es ist wichtig, diese Haltung zu lernen; es ist schwer, diese Zumutung einzuüben.

Ich erläutere es an einem aktuellen Beispiel: Der geplanten Verleihung des Hessischen Kulturpreises 2009. Der Preis sollte gehen an Solomon Korn, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, an Kirchenpräsident a. D. Steinacker und Kardinal Lehmann sowie an den bekannten deutsch-iranischen Autor Navid Kermani. Letzterer hatte am 14. März 2009 in der Neuen Zürcher Zeitung eine Betrachtung der Kreuzigungsdarstellung von Guido Reni, die sich in der Basilika San Lorenzo in Lucina in Rom befindet, veröffentlicht. Kermani lehnt die traditionelle kirchliche Deutung des Kreuzes Jesu grundsätzlich und für einen Muslim gut begründet ab. Aber zugleich ist er fasziniert von Renis Jesusbild in dieser römischen Kirche: "Ein Anblick so voller Segen." Weil hier nicht das Leiden Jesu traditionell religiös überhöht werde, sondern weil dieser Jesus stehe für alle Menschen, stellvertretend sterbend als "jeder Tote, jederzeit, an jedem Ort".
Eine sehr bedenkenswerte Würdigung des Kreuzes Jesu durch diesen kultivierten Muslim. Doch die beiden vorgesehenen christlichen Mit-Preisträger Lehmann und Steinacker verweigern wegen Kermanis Kreuzes-Artikel kurzschlüssig und mit teilweise herabwürdigenden Argumenten die Annahme des Hessischen Kulturpreises. Ein schlimmes Lehrstück. Als ob Toleranz identisch wäre mit Übereinstimmung! Als ob Muslime erst die christliche Glaubenslehre übernehmen müssten, ehe sie als preiswürdig gelten dürfen!
Die eigene Wahrheit macht nur frei, wenn sie sich mit der Achtung gegenüber der abweichenden Überzeugung verbindet. Wer im eigenen Glauben ruht, braucht sich vor Andersdenkenden nicht zu fürchten. Der kühle Denker Rees macht es vor.
Ludger Gaillard, Beauftragter für Ökumene und Islam
und Pastor der Christophorusgemeinde, Göttingen
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