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An(ge)dacht Juli 2009

Glocken – ein Schatz der Kirche

"Glockenschall, Glockenschwall supra urbem, über der ganzen Stadt, in ihren von Klang überfüllten Lüften! Glocken, Glocken, sie schwingen und schaukeln, wogen und wiegen ausholend an ihren Balken, in ihren Stühlen, hundertstimmig, in babylonischem Durcheinander.

Schwer und geschwind, brummend und bimmelnd,– da ist nicht Zeitmaß noch Einklang, sie reden auf einmal und alle einander ins Wort auch sich selber; an dröhnen die Klöppel und lassen nicht Zeit dem erregten Metall, dass es ausdröhne, da dröhnen sie pendelnd an am anderen Rande, ins eigene Gedröhne ... hinein aber klingelt es hell von kleineren Stätten, als rühre der Messbub das Wandlungsglöcklein."

Kann man das Läuten von Glocken sinnlicher beschreiben als Thomas Mann in den ersten Zeilen seines Romans "Der Erwählte"? Jeden Sonntagmorgen, wenn die letzten lärmenden Nachtschwärmer in der Göttinger Innenstadt nach Hause gegangen sind, läuten ringsum in der Stadt die Glocken, mal hier, mal dort, je nach Kirchenjahreszeit mit großem oder kleinem Geläut. In den Kirchdörfern rings um
Göttingen wird es nicht anders sein. Dort wird bis heute auch der Brauch, dass auch zum Sterben geläutet wird, gepflegt.

Ein besonderes Erlebnis war in der Göttinger Innenstadt der 6. Juni: Da erklangen zum ersten Mal alle Glocken der Evangelisch-lutherischen Kirchen im Wall zum ersten Gottesdienst der Tobiasbruderschaft (siehe www.tobiasbruderschaft.de).

Am 1. Juliwochenende feiert die St. Marienkirche Göttingen das Jubiläum der ältesten Glocke in Göttingen. Sie wurde 1359 gegossen und wird in diesem Jahr 650 Jahre alt! Herzlichen Glückwunsch und ein schönes Fest wünschen wir Nachbargemeinden im Wall!

Glocken sind ein Schatz, der den Kirchen anvertraut ist. Was wären unsere Dörfer und Städte, wenn es unsere Glocken nicht gäbe? Was Glocken-Läuten und Glocken-Schweigen bedeutet, ist mir neu aufgegangen in einer Tagebuchaufzeichnung von Helmut James von Moltke. Er gehörte zu den Köpfen des Widerstandes gegen die Hitlerdiktatur und saß 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück. Am Sonntag, 28. Februar 1944 schrieb er in sein Tagebuch: "Ich bin nun den vierten Sonntag hier und habe noch keine einzige Kirchenglocke gehört. Die Sonntagsgeräusche unterscheiden sich von den Alltagsgeräuschen nur dadurch, dass das Hundegebell noch anhaltender ist und die Marschlieder den ganzen Vormittag füllen. ... Man fühlt sich so durchaus im Land der Gottlosen. Ich habe nie gedacht, dass das so spürbar wäre."

Unsere Glocken sind ein Schatz. Wissen wir ihn zu schätzen? In all den mühsamen Stellenkürzungsgesprächen fällt immer wieder mal der Satz, "im Pfarrhaus solle das Licht nicht ausgehen". Ein verständlicher Wunsch, aber wir sollten ihn ergänzen: "In jedem Kirchturm sollen weiterhin die Glocken läuten" – damit wir uns nicht wie "im Land der Gottlosen" fühlen.
Harald Storz, Pastor an St. Jacobi Göttingen

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