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An(ge)dacht September 2009

Erinnerung an Bischof George Bell

In einer Seitenkapelle der mittelalterlichen Christ Church Cathedral in Oxford ein überraschender Anblick: Ein moderner Altar aus schwarzem Holz, davor eine Steinplatte, die an den anglikanischen Bischof George Bell erinnert. Darauf ein Zitat, das mich bewegt: "Keine Nation, keine Kirche, kein Individuum ist schuldlos. Ohne Reue und ohne Vergebung kann es keine Erneuerung geben."

Wer war George Bell? Ich lese nach und stoße fasziniert auf einen Christen, der durch sein unbeirrbares Eintreten für Menschlichkeit und Recht zeitlebens umstritten war. In Deutschland ist er wenig bekannt, obwohl es guten Grund gäbe, die Erinnerung an ihn hochzuhalten.

George Kennedy Allen Bell war ein enger Freund Dietrich Bonhoeffers, ein Unterstützer der Bekennenden Kirche und des deutschen Widerstands, ein Helfer für viele Verfolgte des NS-Regimes und ein Kritiker des Flächenbombardements deutscher Städte im 2. Weltkrieg.

Als Bischof von Chichester machte er der englischen Kirche und der weltweiten Ökumenischen Bewegung den Kampf der Bekennenden Kirche gegen die dem nationalsozialistischen Staat ergebenen Deutschen Christen bekannt. Er setzte sich für eine verstärkte Hilfe für die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland ein und veröffentlichte 1936 einen Gebetsaufruf für Juden und "nichtarische" Christen:

"Bete für die Juden in Stepney und Whitechapel und Bethnal Green; bete für die deutschen Juden; für alle jene, die Schmerzen leiden, die Schande leiden wegen ihrer Rasse. Bete für jene, die einen jüdischen Elternteil oder Großelternteil haben und nach ihrem Glauben Christen sind..."

Die Informationen, die er von Dietrich Bonhoeffer über die Vorgänge in Deutschland erhielt, z.B. über die Konzentrationslager, bemühte er sich durch Leserbriefe an die Londoner "Times" an die britische Öffentlichkeit weiterzugeben.

Zugleich drängte er darauf, dass die Kirchen auch in den Ländern, die gegen Deutschland kämpften, eine kritische Haltung gegenüber den Methoden der Kriegsführung einnehmen müssten. Besonders das Flächenbombardement deutscher Städte lehnte er öffentlich ab, so schrieb er im April 1941 an die Times: "Es ist barbarisch, unbewaffnete Frauen und Kinder bewusst zum Angriffsziel zu machen." Als er im Februar 1943 eine entsprechende Rede im englischen Oberhaus hielt, löste dies tumultartige Reaktionen aus. Man legte ihm seine Haltung als Unterstützung der Nationalsozialisten aus, deren erklärter und erwiesener Gegner er doch war.

George Bell hoffte auf einen Erfolg der deutschen Widerstandsbewegung und versuchte, eine Unterstützung der Verschwörer durch die britische Regierung zu erreichen. Dietrich Bonhoeffers letzte Botschaft unmittelbar vor seiner Hinrichtung, die er einem Vertrauten auftrug, galt dem ökumenischen Freund Bell: "Sag ihm: Dies ist für mich das Ende; aber auch der Anfang – mit ihm glaube ich an das Prinzip unserer universellen christlichen Bruderschaft, die über alle nationalen Hassgefühle hinausragt, und dass uns der Sieg sicher ist – sag ihm auch, dass ich nie seine Worte bei unserem letzten Treffen vergessen habe."

Die Kenntnis des deutschen Widerstands war es, die George Bell dazu bewegte, nach dem Krieg auf eine Abkehr der Deutschen vom Nationalsozialismus zu hoffen und sich für eine Versöhnung mit Deutschland und eine Förderung der demokratischen Bestrebungen in dem besiegten Land einzusetzen. Die Vertreibungen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten brandmarkte er als unmenschlich und "unvereinbar ... mit den Idealen, für die die Vereinten Nationen gekämpft haben."

In den 1950ger Jahren engagierte sich George Bell gegen die atomare Aufrüstung. Auch damit wurde er wieder zu einem Außenseiter in seinem eigenen Land. Im neugegründeten Ökumenischen Rat der Kirchen genoss er als Ehrenvorsitzender hohes Ansehen, aber nach seinem Tod geriet sein Andenken weithin in Vergessenheit.

Ich vermute, das hängt damit zusammen, dass er sich zeitlebens dort befand, wo ein Christ hingehört: Zwischen allen Stühlen.

In Großbritannien stieß seine Kritik an der Kriegsführung der Alliierten auf Unverständnis. Die Evangelische Kirche in Deutschland hatte in den 50ger Jahren Vorbehalte gegen seine Unterstützung des Attentats vom 20. Juli 1944 und gegen seine Überzeugung, die Kirche müsse eine universale Gemeinschaft sein, die den Armen und Verfolgten in aller Welt verpflichtet ist. Die politische Linke in Deutschland lehnte seine Kritik an den Vertreibungen ab, während den Konservativen seine Warnungen vor Obrigkeitshörigkeit und sein Drängen auf die Entwicklung eines kritischen demokratischen Bewusstseins in Deutschland zu weit gingen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Bischof Wolfgang Huber hat am 3. Oktober 2008 mit einem Grußwort seinem 50. Todestag an Bischof George Bell erinnert.

In der Kirche des Christ Church College in Oxford, wo Bell ab 1910 für knapp vier Jahre als Studentenpfarrer und akademischer Tutor tätig war, wurde aus Anlass der Jahrtausendwende ein Altar zu seinem Andenken aufgestellt.

Christiane Scheller, Pastorin in der Bethlehemgemeinde Göttingen

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