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An(ge)dacht Mai 2010

Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden,
die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

Lukas 13,29


Noch bevor man die Altstadt von Cordoba im Süden Spaniens betritt, begegnet man ihm: dem Philosophen und Arzt Ibn Ruschd (latinisiert: Averroës), einem der großen Wissenschaftler des 12. Jahrhunderts. Vor der Stadtmauer sitzt er und erinnert an die Blütezeit Cordobas unter maurischer Herrschaft. Auf den kleinen Plätzen der alten jüdischen und arabischen Stadtviertel findet man weitere Denkmäler, z.B. den jüdischen Philosophen, Arzt und Rechtsgelehrten Moses Maimonides oder den weniger bekannten Augenarzt Muhammad al Gafequi – beide lebten ebenfalls im 12. Jahrhundert nach Christus.
Nach der maurischen Eroberung im Jahr 711 entwickelte sich Cordoba zu einer Weltstadt, in der zeitweise eine halbe Million Menschen lebten. Die Verhältnisse in der Stadt waren von einem für das übrige Europa unvorstellbaren Stand der Zivilisation geprägt: Es gab Krankenhäuser und Bibliotheken, befestigte Straßen, Wasserleitungen. Die ärztliche Kunst beruhte auf einer Kenntnis des menschlichen Körpers, wie sie im christlichen Europa noch längst nicht existierte.
Die von den Mauren mitgebrachte Bewässerungstechnik ermöglichte gute Ernten und somit eine gute Versorgung der Stadt. Kunst und Handwerk waren weltberühmt. Die Kinder konnten zur Schule gehen. Christen, Muslime und Juden lebten zumeist friedlich zusammen.
Das alles klingt ein bisschen wie die Geschichte eines verlorenen Paradieses. Die Religionen in friedlicher Koexistenz, ein wissenschaftlicher und technischer Fortschritt, der den Menschen unmittelbar zugute kommt...
Sicher, ganz ideal waren die Verhältnisse auch damals nicht. So durften Christen und Juden zwar bei ihrer Religion bleiben, sie aber nicht öffentlich sichtbar ausüben, zudem mussten sie eine Kopfsteuer zahlen. Und die strenggläubige muslimische Herrscherdynastie sah Ibn Ruschd in seinen letzten Lebensjahren als Ketzer an. Er starb in der nordafrikanischen Verbannung.
Trotzdem ist die Toleranz, mit der die Mauren Cordoba und ganz Andalusien regierten, im Vergleich zu anderen Ländern und Zeiten erstaunlich. Nach der Rückeroberung Andalusiens durch die Spanier war es damit vorbei. Muslime und Juden mussten sich taufen lassen. Wer dazu nicht bereit war, wurde vertrieben, wer heimlich bei der alten Religion blieb, von der Inquisition verfolgt. Die Eroberer übernahmen die Moschee von Cordoba und bauten mitten hinein eine katholische Kathedrale – ein wohl einmaliger Zusammenstoß völlig verschiedener Baustile.
Immerhin, die christlichen Könige haben die Moschee nicht abgerissen. Auch die mittelalterliche Synagoge ist in der Altstadt Cordobas noch zu finden. So erinnert die Stadt weiterhin an eine Periode, in der das Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen (fast) gelang.

Christiane Scheller, Pastorin in der Bethlehemgemeinde Göttingen und
Pädagogische Mitarbeiterin in der Evangelischen Erwachsenenbildung Südniedersachsen

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