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An(ge)dacht Juni 2010

Zeiten

Man kann sie sich vorstellen: Wie sie am Sonntag vor der Kirche stehen, die Mädels in ihren schicken Blusen und modischen Röcken, die Jungens in ihren lockeren Kombinationen mit knalliger Krawatte. Ich höre sie schon ihre Namen zurufen, laut lachend, und wie sie sich dann eher unwillig zur Ordnung rufen lassen, weil doch das Gruppenfoto vor der Kirche gemacht sein will.

Von den Konfirmanden ist die Rede, genauer gesagt von den Goldenen Konfirmanden. Sie wirken so jung und voller Erwartungen. Und wenn sie erzählen, ist es so, als wäre es gestern: Die Konfirmation durch den Weender Pastor Thoms, sein Abfragen der Sprüche, das nicht enden wollte, selbst wenn man schon erwachsen war; der Unterricht im Pfarrhaus mit Birnbaum. Aber auch die Zeit: 1960 lief Armin Hary als erster in Stockholm 10,02 sec (handgestoppt); über der UdSSR wurde ein US-Spionageflugzeug abgeschossen. Und Musik wurde gehört: im Kofferradio tönte Elvis "A Big Hunk O'Love". "Are you lonesome tonight" hatte er gleich hinterher gedröhnt. In der elterlichen Musiktruhe mit magischem Auge säuselten Heidi Brühl und Billy Vaughn: "Wir wollen niemals auseinander gehn" und "Sail Along Silvery Moon".

Heute freut sich Deutschland über Lenas Erfolg in Oslo: Satellite. Leicht wie eine Jugendliebe im Mai singt sie: "Like a satellite I'm in an orbit all the way around you. And I would fall out into the night can't go a minute without your love". Sie ist schwer dabei zu verstehen, ihr lächelnder Gesang steht ein bisschen im Widerspruch zu der eher technischen Melodie, im dunklen Mini über die Osloer Bühne kreisend drückt sie die Zeiterfahrung aus: in einer Zeit sich beschleunigender Entwicklungen würden wir im Dunkel kreisen, wenn, ja wenn es die Liebe nicht gäbe. Diese Sehnsucht nach Sicherheit.

Vor fünfzig Jahren war der Rock'n' Roll Teil einer weltumspannenden Jugendkultur und eine Gegenwelt zu den Angsterfahrungen, die sich aus dem Ost-West-Konflikt ergeben hatten (denken wir nur an den Mauerbau und an die Kuba-Krise). Denn die Welt war überschaubar, auch in ihren Lösungen. Der russische Satellit mit dem Hund Laika an Bord hatte noch etwas Gemütliches, obwohl er zugleich Ausdruck des Wettrüstens war. Heute gehen jedoch mit dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt und mit dem Beharren auf Wachstum globale Krisenerfahrungen einher, die die Gedanken wie im Dunkeln kreisen lassen, weil Lösungen nicht zu erkennen sind. Der Ölfluss in dem Golf von Mexico ist nicht zu stoppen, der Kapitalfluss und die damit verbundene Verarmung scheint sich nicht regeln lassen zu wollen.

Zwei Jahre ist das schon her, als die Gruppe Silbermond aus Bautzen sang: "Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist, und alles Gute steht hier still. Und dass das Wort, das du mir heute gibst, morgen noch genauso gilt. Diese Welt ist schnell und hat verlernt, beständig zu sein. Denn Versuchungen setzen ihre Frist".

Den Versuchungen dieser Welt und ihrem Verlust der Beständigkeit steht ein Wort gegenüber, das in einer Zeit gesagt worden ist, die sich unserem biographischen Gedächtnis entzieht. Doch es hat Bestand. Es wird persönlich gesagt, laut, öffentlich. Die Goldenen Konfirmanden, die jungen Konfis, wir alle empfangen auch heute noch in den Kirchen das Wort, dessen Bedeutung sich nicht verändert. Es wird trotz aller Beschleunigung der Zeit gültig bleiben. Es ist der Segen. "Geht hin in Frieden". Der Segen bewahrt uns davor, wie Satelliten um uns selbst zu kreisen. Er sendet uns in die Welt. Wir alle bleiben beauftragt, am Weg der Gerechtigkeit und des Friedens beständig mitzuarbeiten.

Wolfgang Petrak, Pastor in der Kirchengemeinde St. Petri Weende

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