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An(ge)dacht Oktober 2011

In meinen Händen Ähren
Weizen zusammengebunden
Die Halme wie kleine Rohre
Sind trocken und glatt

Auf den Halmen
Sitzt ordentlich Korn an Korn
Es knistert und rieselt
Wenn ich es berühre
Zwanzig oder dreißig
Oder sechsundfünfzig Körner
Alle aus einem einzigen Korn
Vielfache Frucht

Im Frühjahr war es trocken
Die Bauern haben gebangt
Der Boden war rissig und hart
Aber das Korn hat überlebt
Ist weiter gewachsen
Hat sich der Sonne ausgesetzt
Im Wind gewiegt
Dem Regen entgegengestreckt

Die Körner sind grau
Aber das ist nur die Hülle
Die schützt vor Nässe und Wind
Innen das Korn ist goldgelb
Voller Leben und Kraft

Der Halm biegt sich
Die Ähre neigt den Kopf
Verneigt sich das bedeutet
Sie ist reif für die Ernte
Gut wenn der Halm sich biegt
Und nicht knickt oder bricht
Unter seiner Last
Die Geknickten taugen nichts

Bei Gott ist das anders
Das geknickte Rohr sagt Gott
Will ich nicht zerbrechen
Und den glimmenden Docht
Will ich nicht auslöschen

Mein Vater hat erzählt
In den Jahren nach dem Krieg
Hatten sie Hunger
Sie haben alles verkauft
Mäntel Geschirr Grammophon
Dafür gab es Essen vom Land
Als es alle war gingen sie sammeln
Nach der Ernte was an Ähren
Noch da lag auf dem Feld

Vaters Mutter
hatte eine Leinentasche
Die hing an der Tür
Da tat sie die Ähren hinein
Mit dem Ausklopfer
Droschen die Kinder
Das Korn fiel heraus
Von Hand mahlten sie es
Mit der eisernen Mühle

Morgens gab es Schrotsuppe
Heiß und gut mit Wasser und Salz
Auch Brot backte die Mutter
Und Plattenkuchen
Wenn Sonntag war

Wind und Sonne Regen und Sturm
Ich selbst ich bin auch wie ein Halm
In vielen Wettern
Hab ich mich gebogen
Mich gestreckt oder verschlossen
Meine Nächsten beschützt
Meine Goldkörner
Verwurzelt in der Nähe der Freunde
Und liebsten Menschen
Im Glauben dass die Erde mich trägt
Und der Schöpfer mich hält

Manchmal hab ich auch
Am Boden gelegen
Geknickt verzweifelt
Gebrochen taub ohne Glauben
Für die Ernte nicht tauglich
Dachte ich

Aber Jesus sagt
Wenn das Weizenkorn
Nicht in die Erde fällt und stirbt
Dann bringt es keine Frucht
Wenn es aber erstirbt
Bringt es viel Frucht

In der dunklen Erde keimt das Korn
Wird weich und süß und kriegt Kraft
Schickt den Halm ans Licht
Wächst ins Leben zurück
Die Ähren in meiner Hand erzählen
Von Sonne und Regen und Wind
Sie sind reif für die Ernte
Der Kopf ist geneigt
Eines Tages wird Gott
Die Gebeugten aufrichten
Die Müden stärken
Die wackelnden Knie
Die wankenden Herzen fest machen
Und die Verlorenen
Wieder nach Hause bringen

So lange bin ich nicht allein
In Jesus ist Gott schon da
Sein Leben sein Leiden bringt Frucht
Er ist auferstanden er lebt
Er trägt meine Last mit mir
Geht alle Tage mit uns
Bis ans Ende der Welt
Amen

Meditation beim Herbstgottesdienst in der Christophoruskirche am 25. September 2011

Charlotte Scheller,
Pastorin in den Kirchengemeinden Roringen und Herberhausen

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