A.O.: Wird sich mit Ihrem Altersgenossen etwas in unserer Landeskirche ändern?
Selter: (lacht) Ja, wir sind wirklich ein Alter eben der gute '62er Jahrgang. Das Alter spielt aber nur eine nebensächliche Rolle, obwohl es unserer Landeskirche sicherlich gut tut, dass auch zunehmend jüngere Kolleginnen und Kollegen in Leitungspositionen Verantwortung übernehmen. Meister hat viel Leitungserfahrung. Das ist auch wichtig. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass er sich aufgrund seiner hohen kommunikativen Fähigkeiten auch gut mit anderen abstimmen wird. Damit hat er beste Voraussetzungen in unserer anspruchsvollen Mischstruktur aus episkopalem und synodalem System klar zu kommen.
A.O.: Das müssen Sie näher erläutern.
Selter: Einerseits ist es nötig, dass der Bischof inhaltliche Impulse für unsere Landeskirche geben wird. Anderseits werden wichtige Entscheidungen bei uns auf der Synode getroffen. Darum ist es wichtig, dass er viele Menschen für gute Ideen begeistern kann und sie bei der Umsetzung "mitnimmt".
AO: Liegt Ihnen dabei ein bestimmter Gesichtspunkt besonders am Herzen?
Selter: Wir brauchen Antworten auf die Frage, wie es mit der Volkskirche weitergeht. Wir werden es auch in den nächsten Jahren mit einem erheblichen Rückgang der Mitgliederzahlen zu tun haben. Auf geänderte Lebensbedingungen und Fragestellungen der Menschen haben wir als Kirche so zu reagieren, dass sich der Mitgliederverlust nicht zu einem Relevanzverlust auswächst. Dazu braucht es zunächst einmal einen festen Stand. Den haben wir aufgrund unseres christlichen Glaubens. Es braucht aber auch viel Beweglichkeit und gute Ideen. Da wird Herrn Meister allgemein sehr viel zugetraut. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen Gottes Segen für diese Aufgabe. Gottes gutes Geleit wünsche ich übrigens auch seiner Familie, der ja von Berlin nach Hannover ein großer Wechsel bevorsteht.
A.O.: Hört sich so an, als wüssten Sie da, wovon Sie reden?
Selter: Durchaus! Die Entfernung zwischen Wuppertal und Göttingen ist nur dreißig Kilometer geringer, als die zwischen Berlin und Hannover. Aber meine Frau und unsere Kindern haben sich hier sehr schnell eingelebt. Und ich hoffe, dass es bei den Meisters auch so gut läuft!
A.O.: Themenwechsel: Von der Synode war zu hören, dass der Rückgang der Kirchensteuern aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs deutlich weniger dramatisch ausgefallen ist, als befürchtet. Kann jetzt für Göttingen mit einer höheren Zuweisung gerechnet werden?
Selter: Glücklicherweise wird das wohl so sein. Wir mussten nach den Zahlen, die uns für den Zeitraum 2013-2016 noch zu Jahresbeginn von der Kirchenleitung genannt wurden, mit einem Rückgang der Mittel von fast 10% für diesen Zeitraum planen. Diese Planungen sind auch schon weit fortgeschritten, weil alle Ausschüsse unheimlich zügig und zielstrebig zusammengearbeitet haben.
A.O.: Um wie viel geringer wird denn die Sparvorgabe für unseren Kirchenkreis nun ausfallen?
Selter: Nach ersten vorläufigen Berechnungen wird der Rückgang vermutlich bei etwa 7% liegen.
A.O.: Das hört sich ja schon viel weniger dramatisch an. Geben Sie jetzt Entwarnung?
Selter: Das wäre leichtsinnig. Obwohl uns diese Nachricht durchaus Luft verschafft, ist sie leider kein Grund zur Euphorie. Vielmehr müssen wir wohl weiter mit den schlechteren Zahlen planen. Wir haben zugleich mit einer empfindlichen Erhöhung der Personalkosten zu kämpfen. Außerdem belastet uns im Süden Niedersachsens die Bevölkerungsentwicklung deutlich stärker, als in vielen anderen Teilen unserer Landeskirche.
A.O.: Aber irgendwo müssen sich die besseren Zahlen doch bemerkbar machen. Auch nach den Abzügen, die Sie genannt haben, wird doch noch etwas übrig bleiben.
Selter: Ich plädiere stark dafür, das Geld für drei Zwecke einzuplanen: Erstens für die Abfederung von besonderen Härten, die einzelne Regionen durch die Stellenplanung treffen könnten. Zweitens für die Behebung des wachsenden Sanierungsstaus bei unseren kirchlichen Immobilien angefangen von Pfarrhäusern bis hin zu Kirchen da müssen wir die Gunst der Stunde nutzen und überfällige Maßnahmen durchführen, für die unser schmaler Bauetat zu wenig hergibt. Drittens macht es Sinn, Rücklagen aufzustocken, denn die Geschichte lehrt uns, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung sich auch wieder abschwächt oder sogar in einen Abschwung mündet. Dann müssen wir so gerüstet sein, dass das für uns kein Absturz wird, sondern ein kontrollierter Sinkflug.
A.O.: Diese Worte hat in einem Interview zu gleichem Thema auch der Landeskirchenamtspräsident Guntau gewählt.
Selter: Daher habe ich sie auch geklaut (lacht). Aber ich bin sicher, dass wir mit dieser Strategie wirklich gut für die Zukunft gerüstet sein werden. Ganz abgesehen davon, dass unser Kirchenkreis insgesamt auf einem guten Weg ist.
A.O.: Herr Superintendent, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Selter: Ich danke auch und wünsche Ihnen und unseren Lesern alles Gute!