Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Gemeinde!
Gnade und Friede ein frommer Wunsch, in dem Sinne: unerfüllbar? Unerfüllbar in einer Welt, in der ganz andere Prinzipien herrschen, so wie wir es im Kyriegebet gehört haben:
"Wir beklagen die zunehmende Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Die Schere zwischen Arm und Reich wird durch Hartz IV immer größer. Zukünftig werden immer mehr Kinder in armen Verhältnissen aufwachsen, mit schlechten Startbedingungen für ihre Zukunft.
Wir beklagen, dass immer mehr Menschen in Angst vor Kriegen leben müssen oder direkt von Krieg und seinen Folgen betroffen sind.
Wir beklagen, dass in unserem reichen Land immer mehr Menschen in ihrer Not vergessen werden. In Zeiten knapper werdender Finanzen ziehen sich leider auch die Kirchen immer weiter aus sozialen und diakonischen Arbeitsfeldern zurück. Immer mehr Jugendliche haben Zukunftsängste. Leistungsanforderungen steigen ständig, nur die Besten haben eine Zukunftschance. Die Anderen fühlen sich wertlos und geraten schnell in ein gesellschaftliches Abseits.
Am Ende eines langen Arbeitslebens haben alte Menschen Angst vor Pflegebedürftigkeit, weil Alte in unserer Gesellschaft vielfach nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gepflegt werden.
Wir beklagen auch unsere Unzulänglichkeiten. Zu häufig blicken wir bei der Not anderer weg. Zu wenig nehmen wir Anteil am Schicksal anderer. Zu wenig sind wir bereit, selbst soziale Verantwortung in unserem unmittelbaren Umfeld zu übernehmen."
So etwas auszusprechen, ist hilfreich, weil es Klarheit schafft. Sonntag für Sonntag schwingen solche und andere Klagen im Kyrie-Teil unserer Gottesdienste mit. Nicht immer so ausführlich, aber heute sollten sie einmal breiten Platz haben. Solche Klagen entstehen nicht aus dem hohlen Bauch. Sie entstehen aus schmerzlichen Erfahrungen, die Menschen machen und mit uns teilen, und sie entstehen aus der präzisen Analyse unserer derzeitigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation. Und da ist es hilfreich, dem Ergebnis der eigenen Analyse die anderer an die Seite zu stellen. Wir merken dabei, dass wir in der Analyse unserer Wirklichkeit, wie wir sie im Kyriegebet vor Gott gebracht haben, auch außerhalb von Kirche Weggenossen haben. In diesem Zusammenhang danke ich Ihnen, Sebastian Wertmüller, für Ihren Beitrag vorhin aber der war ja auch einmal fällig, denn wenn der Superintendent am 1. Mai auf dem Marktplatz reden darf, wie vor 2 1/2 Jahren geschehen, darf der Gewerkschafts"boss" auch mal in der Kirche das Wort ergreifen, noch dazu, wenn es sich um einen Gottesdienst handelt, zu dem kirchliche Arbeitnehmer besonders eingeladen wurden.
Im Übrigen würde auch von Wirtschaftswissenschaftlern und von der Arbeitgeberseite diese Analyse nicht bestritten werden. Arbeitgeber würden sie ergänzen um die angespannte Lage kleinerer, mittlerer und auch großer Betriebe und um Ausführungen zum Thema Kostendruck. So mancher Handwerksbetrieb geht in Insolvenz, weil die Kunden einfach nicht mehr zahlen was in den meisten Fällen aber nicht an Böswilligkeit liegt, sondern daran, dass die wirtschaftliche Lage für die Zahlungsunwilligen auch nicht rosig ist. Es ist ja nicht unbedingt nur die Gewinnsucht von Arbeitgebern, die der Hintergrund ist für die zunehmende Tendenz, mehr Arbeit für weniger Lohn zu verlangen, um die Arbeitsplätze zu sichern.
Die wirtschaftliche Lage der Kirche, solange sie hauptsächlich von Kirchensteuern lebt, ist auch immer Ausdruck der Steuergesetzgebung, der wirtschaftlichen Gesamtlage und besonders der Beschäftigungslage. Und da wir anders als der Staat den Generationen nach uns keine riesige Schuldenlast überlassen dürfen und wollen, können wir immer nur das ausgeben, was wir haben. Als Rücklagen hat die Landeskirche nur einen Jahresetat, und wir entnehmen zurzeit diesen Rücklagen jährlich 10%, um unseren Haushalt zu finanzieren. Das können wir noch ein paar Mal machen, und dann ist das vorbei. Von daher ist es verständlich, wenn über Sparmaßnahmen nicht nur nachgedacht wird, sondern sie auch umgesetzt werden. Jedoch ist natürlich zu überlegen, wen die Einschnitte treffen und wie sich das beschäftigungspolitisch auswirkt.
Eine Kirche, die für Menschen da ist, ist ein personalintensives Unternehmen; da gibt es unter den vielen Mitarbeitenden eine ganze Reihe, die sind als Alleinverdienende auf eine ganze Stelle angewiesen. Für die müssen wir möglichst auch Ganztagsstellen vorhalten. Viele andere aber wollen lieber Teilzeit arbeiten, und deswegen ist es gut, möglichst viele Teilzeitarbeitsplätze vorzuhalten. Wir machen in der Superintendentur die Erfahrung, dass sich bei vernünftiger Organisation mit zwei Teilzeitkräften, die mit dem Zeitpunkt ihrer Arbeit flexibel sind, viel mehr bewegen lässt als mit einer Vollzeitkraft; so arbeiten in Spitzenzeiten zwei an derselben Sache, die alleine nicht zu schaffen wäre; zu anderen Zeiten reicht es, wenn eine da ist und wir können flexibel freie Tage und dergleichen gewähren. Durch die Umstellung von einer Vollzeitkraft auf zwei Halbtagskräfte haben wir unsere Arbeitseffektivität um mindestens 30% gesteigert und haben dabei viel mehr Freiheiten für die Mitarbeiterinnen als früher. Das geht natürlich nur, weil wir zwei voll ausgestattete Büros haben, in denen auch gleichzeitig unabhängig voneinander gearbeitet werden kann man muss also auch infrastrukturell die Voraussetzungen für Teilzeit schaffen. Unabhängig von der Wirtschaftslage bietet sich also Verteilung der Arbeit auf mehr Beschäftigte sehr oft an und wir sollten die Möglichkeiten dafür kreativ nutzen.
Etwas anderes ist, wenn ein Unternehmen wie die Kirche, die derzeit unter Finanzdruck gerät und deshalb auf rechtlich mögliche Weise die Lohnkosten verringern möchte. Das geht dann eben z.B. auf solche Weise, wie wir sie nachher noch diskutieren werden: Kürzung oder Streichung von Sonderzuwendungen oder Verlängerung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn. Es ist aus meiner Sicht dazu zu sagen, dass dieses nur als Notmaßnahme zu akzeptieren ist; in großen diakonischen Einrichtungen arbeitet man zurzeit z.B. mit dem Instrument der Stundung, d.h. bei besserer Finanzlage werden die einbehaltenen Zuwendungen doch noch gezahlt aber vielleicht eben auch nie.
Wie man wenigstens eine Zeitlang Stellenabbau auffangen kann, haben die Mitarbeitenden in der Kindertagesstätte Waake vorgemacht: als eine eigentlich gehen musste wegen einer Gruppenschließung, haben die anderen zusammengelegt: ihre Stundenzahl und damit auch ihr Gehalt reduziert, damit die Kollegin wenigstens noch ein Jahr bleiben konnte, um in Ruhe nach etwas anderem zu suchen. Meine Hochachtung vor einer solchen Maßnahme.
Trotz solcher guten Beispiele: die gesamtwirtschaftliche Tendenz heißt zur Zeit: Weniger Geld für mehr Arbeit.
Für uns als Kirche ist m.E. die Frage zu diskutieren, welche Chancen wir haben, das nur begrenzt mitzumachen und wie wir es schaffen, dass solche Prozesse nicht auf Kosten der Schwächsten abgewickelt werden. Ich habe leider vergessen, welche Partei das vorgeschlagen hat, aber der Gedanke, alle die gleichen Krankenversicherungsbeiträge zahlen zu lassen, ist genauso brutal wie die Idee, die schon länger praktiziert wird, dass man den Zahnersatz weitgehend selbst bezahlen darf, egal, wie viel Geld man übrig oder zuwenig hat. Dass Arme nichts zu beißen haben gilt dann in einem doppelten Sinne. Im Unterschied zu solchen Plänen der Starken haben wir die Aufgabe, uns für die Schwachen einzusetzen und auch innerkirchlich dafür zu sorgen, dass die Solidarität mit den Ärmeren nicht aufgekündigt wird.
Solidarität mit den Ärmeren: Einen frappierenden Beitrag leistet dazu auf den ersten Blick sozusagen in Umkehrung der Gedankenrichtung der Bibeltext, den wir vorhin gehört haben. Dort wird allen auch für sehr wenig Arbeit der normale Tageslohn, ein Denar oder Silberling gezahlt, und auf wütende Proteste derer hin, die den ganzen Tag gearbeitet haben und auch nur denselben Lohn bekommen, sagt der Arbeitgeber nur: "Bist Du neidisch, weil ich so gütig bin? Kann ich nicht jedem geben, was ich will?" Nun, ich weiß nicht, was die Mitarbeitervertretung machen würde, wenn es zu übertariflichen Sonderzahlungen für nicht Vollzeitbeschäftigte kommen würde. Vielleicht müssten Herrn Ernst und Herr Massow sagen: so geht das nicht. Mehr Geld für weniger Arbeit, und sogar für die, die nur 1/10 gearbeitet haben, den vollen Lohn?
Nun, nicht nur die MAV hätte möglicherweise Bedenken. Auch wenn man das ökonomisch durchrechnet, muss man sagen: ein solcher Unternehmer wird bald in die Insolvenz gehen. Das kann nicht als Beispiel für ökonomisches Handeln gelten. Und ich glaube, dass Jesus diese Geschichte auch nicht auf einer Fachtagung für Wirtschaftskräfte und auch nicht auf einer Klausurtagung der MAV zum Besten gegeben hat. Denn man kann Jesus viel vorwerfen, aber dass er im intellektuellen Sinne auf peinliche Weise "durchgeknallt" gewesen wäre, wird man nicht sagen können.
Hilfreich und unerlässlich für das Verständnis der Geschichte ist ihr Anfang, wo Jesus das Himmelreich mit einem solchen Arbeitgeber vergleicht. Im Himmel, da wird es so sein, bei Gott, da gelten diese Maßstäbe. Und ich möchte diesen Gedanken noch einen Moment festhalten, bevor wir nachher wieder ins beschäftigungspolitische Geschäft eintauchen. Hier wird ein beschäftigungspolitischer Fall als Bild gebraucht dafür, wie Gott mit uns Menschen umgeht. Er gibt allen Menschen das, was sie brauchen; nicht mehr. Bei ihm zählt nicht die erbrachte Leistung als Arbeit pro Zeit, sondern jeder soll leben dürfen und genug zum Leben haben.
Am Bußtag denken wir ja, wenn es gut läuft, nicht nur darüber nach, was sich in der Gesellschaft und was andere ändern sollten, sondern wir bedenken auch die eigene Unzulänglichkeit, wie auch schon im Kyriegebet angesprochen.
Und wenn wir dann von Gott und seiner Güte hören, fällt uns vielleicht nicht nur ein, wo andere Menschen gütiger und freundlicher sein könnten; vielleicht fällt uns auch ein, wo wir darin Defizite haben. Und wenn es ganz gut läuft, dann fällt uns vielleicht noch mehr ein.
Wenn wir nämlich nachdenken über die Art, wie Gott mit den Menschen umgeht, dann kommt uns ja vielleicht auch die Frage, wie wir denn nun darauf reagieren in unserem Umgang mit Gott. Wie sieht unsere persönliche Geschichte mit diesem Gott aus und wie gestaltet sich unsere Beziehung zu ihm derzeit? Auch das können wichtige Bußtagsfragen werden.
Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben dieses Lied wollen wir gleich singen. Man könnte auch betonen: auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben, der Gerechtigkeit des Arbeitsgebers im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Gerechtigkeit, die wir nicht verdient haben, und die auch den Schwachen gibt, was sie brauchen.
Wenn das klar ist, dann wird uns auch für unser Verhalten nicht unberührt lassen, wie Gott zu uns ist, und wir werden Schritte unternehmen zu mehr Verteilungsgerechtigkeit in Bezug auf Arbeit und Einkommen.
Und der Friede und die Gerechtigkeit Gottes, die so viel mehr sind als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.