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Partnerschaftsbesuch in Novo Xingú, Rio Grande do Sul/Brasilien, im März/April 2004

Ausschnitt aus dem Reisetagebuch von Manfred Kuhlmann aus Reinhausen.

29. März 2004: Der erste Tag in Xingú
Nach dem Frühstück fahre ich mit Sergio, mein Gastgeber, auf seinem Motorrad nach Novo Xingú. Das Haus von Sergio liegt etwas außerhalb, und ich werde in den nächsten Wochen diesen Weg noch oft zu Fuß gehen. In Novo Xingú zeigt mir Sergio zunächst das Rathaus. Hier werde ich mit dem zweiten Bürgermeister bekannt gemacht. Dann sehe ich mir den Arbeitsplatz von Sergio und die Maschinen für den Wegebau an. Jeder Kleinbauer hat ein Anrecht darauf, zwei Stunden diese Maschinen für eigenen Wegebau zu nutzen. Darüber hinaus können die Maschinen auch für einen geringen Preis gemietet werden. Von der Gemeinde werden auch drei Agraringenieure beschäftigt, die sich um die Beratung der Bauern hinsichtlich Anpflanzungen und Besamung usw. kümmern. Hier werden auch die Meldungen der Ernteausfälle aufgrund der extremen Trockenheit der letzten Wochen gesammelt.
Nach der Besprechung des Programms unseres Aufenthalts besichtigen wir das Jugendprojekt. Hier werden Montag- und Dienstagnachmittag jeweils zwölf Jungen beschäftigt, die Tischler- und Bastelarbeiten machen. Das Gebäude steht noch im Rohbau da, muss aber jetzt weitergebaut werden, da es mit Zuschüssen der Bundesregierung gebaut worden ist. In dem Gebäude sollen noch ein PC-Raum, ein Versammlungsraum und im Obergeschoss noch ein Schulraum entstehen. Weiterhin sind 17 Mädchen dienstags in dem Gebäude gegenüber tätig, die auch Bastelarbeiten herstellen, die dann verkauft werden. In dem Projekt ist eine Koordinatorin, ein Tischler, sowie stundenweise eine Psychologin, eine Pädagogin und eine weitere Lehrerin tätig. Der Aufenthalt pro Jugendlichen soll ein Jahr betragen, in Einzelfällen auch darüber hinaus. Sinn ist es, die Kinder, die sonst auf der Straße wären, an sinnvolle Arbeiten heranzuführen. Die Partnerschaftsgruppe bittet uns dieses Projekt finanziell zu unterstützen.
Wir besichtigen das Gesundheitsprojekt. Hier hat sich viel getan. Es ist ein Neubau erstellt worden, der am 31.01.2003 eingeweiht wurde. Nun ist ein eigener Arzt und ein Zahnarzt für die Versorgung der Bevölkerung von Xingú vorhanden. Weiterhin sind in dem Projekt ein Koordinator und mehrere Assistenten beschäftigt. Die Behandlung ist für die Xingúer kostenlos. Nur für den Aufenthalt im Krankenhaus muss etwas bezahlt werden, obwohl die Gemeinde dort auch schon einen Beitrag leistet. Zu dem Projekt gehört auch, dass es mehrere Frauen gibt, die alle Familien außerhalb des Hauptortes monatlich einmal aufsuchen und bei Bedarf zum Arzt schicken. Was für eine Verbesserung zur früheren Situation, wo nur einmal pro Woche ein Arzt aus Constantina (das ist die nächste größere Stadt) kam.
Dann besichtigen wir noch die Schuhfabrik. Hier gibt es in zwei Schichten insgesamt 60 Arbeitsplätze. Es wird das Obermaterial für die Schuhe in zwei Schichten hergestellt. Noemia, die Frau meines Gastgebers, arbeitet in der Frühschicht. Es werden in 17 Stunden das Oberleder für insgesamt 700 Paar Schuhe fertiggestellt. Der Mindestlohn beträgt in Brasilien 240 Real. Hier werden 290 Real in der Frühschicht gezahlt, in der Spätschicht gibt es etwas mehr. Die Gemeinde bezahlt die Miete für das Gebäude und plant ein eigenes Gebäude zu erstellen, das dann dem Firmenbetreiber kostenfrei zur Verfügung gestellt werden soll. Damit hoffen die Xingúer Arbeitsplätze zu halten.
An diese Besichtigungen schließt sich eine Rundfahrt durch einen Teil des Landkreises an. Erst jetzt können wir ermessen, was für eine Leistung es darstellt, dass inzwischen alle Gebäude mit fließend Wasser versorgt sind. Ebenso hat der ganz überwiegende Teil der Häuser inzwischen auch einen Stromanschluss. Wie wir hören, und in den Folgetagen feststellen können, gibt es auch einen Schülerverkehr durch die Gemeinde, dadurch wird gewährleistet, dass alle Kinder die Schule besuchen können. An mehreren Häusern halten wir an und werden freudig von den Hausbewohnern, alles Kleinbauern, begrüßt.
Abends gibt es ein Treffen mit der Partnerschaftsgruppe aus Xingú. Wir treffen uns in der Gemeindehalle und müssen in einen größeren Raum umziehen, da so viele Leute gekommen sind. Heutiges Thema dieser sich regelmäßig einmal im Monat treffenden Gruppe ist der Anbau von genmanipuliertem Soja. Natürlich werden auch wir nach unserer Meinung gefragt und berichten von den Erfahrungen der Versuchsfelder mit genmanipuliertem Mais rund um Göttingen. Die Frage lautet, wieweit man in die Schöpfung eingreifen dürfe und im Verlauf der Diskussion wird die Sorge geäußert, dass es problematisch sei, da durch Pollenflug auch nicht genmanipulierte Pflanzungen beeinträchtigt werden könnten.
Ein weiteres Thema ist die Partnerschaftsbewegung, und hier hören wir von Xingúer Seite positive Rückmeldungen, dass die Partnerschaft auch Kraft gegeben habe, dass man nun von Constantina unabhängig sei...

3. April 2004: Besuch in einem Landlosenlager
... Am Nachmittag fahren wir zu einem Mitarbeiter von Claudir, der in der näheren Umgebung als Verbindungsmann dient. Mit ihm fahren wir dann zu einem Landlosenlager, dass erst am Freitag entstanden ist. Eine große Fazenda mit 7.000 ha offiziellem und ca. 4000 ha inoffiziellem Landbesitz ist schon seit längerer Zeit von der Landlosenorganisation beobachtet worden. Der Eigentümer hat die Fazenda verpachtet und ist nicht besonders gut angesehen. In einem Waldstück haben sich ca. 900 Personen mit schwarzen Plastikplanen notdürftige Zelte gebaut. Wir sprechen mit den Wachposten am Eingang und werden dann jemanden aus der Lagerleitung vorgestellt. Wir dürfen dann das Lager besichtigen und sehen viele Kinder und Menschen, die hoffen, dass ihr Kampf um ein Stückchen eigenes Land nun bald mal belohnt wird. Die Regierung auch unter dem "linken" Präsidenten Lula hat leider die seit langem versprochene Landreform auch noch nicht umgesetzt. Wir werden darüber unterrichtet, dass eine Vielzahl der Bewohner dieses Lagers vorher schon in anderen Straßenlagern gelebt haben.
Als wir vor dem Lager stehen, sehen wir ca. zehn Polizisten auf der Straße an dem Lager vorbei gehen. Im Lager sehen wir zum Teil große Herdplatten, die über Bodenlöchern als Kochgelegenheit dienen. Es ist schon bedrückend, wenn man sieht, unter welchen einfachen Bedingungen die Menschen hier leben müssen und dass sie ihren Mut und ihre Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Als wir uns verabschiedet haben und zurückfahren, werden wir auf der Zufahrtsstraße von den Polizisten an einer Straßensperre kontrolliert. Sie schreiben jeden Besucher mit Kennzeichen auf.
Wir fahren zurück nach Xingú. Abends trifft sich die gesamte Gruppe im Kräuterhaus. Hier wird versucht mit natürlichen Heilmethoden und Pflanzen zu arbeiten. Das Kräuterhaus ist zweimal vormittags geöffnet. Es gibt eine Gruppe, die sich um die Organisation und Entwicklung kümmert. Demnächst soll das umliegende Grundstück bearbeitet und für Anpflanzungen genutzt werden...